Wie findet man heraus, woran Menschen wirklich denken, während ihr Leben stattfindet? Nicht im Labor, sondern mittendrin. Die Psychologen Matthew Killingsworth und Daniel Gilbert entwickelten dafür eine iPhone-App, die Menschen zu zufälligen Zeitpunkten am Tag drei Fragen stellte: Wie fühlst du dich gerade? Was tust du gerade? Und: Denkst du an etwas anderes als das, was du gerade tust?
Der Befund: 47 Prozent woanders
2010 veröffentlichten die beiden ihre Auswertung von rund 2.250 Erwachsenen im Fachblatt Science. Zwei Zahlen stechen heraus. Erstens: In 46,9 Prozent aller Momente waren die Befragten mit den Gedanken nicht bei ihrer aktuellen Tätigkeit, und zwar ziemlich unabhängig davon, was sie taten. Zweitens: In den Momenten des Abschweifens berichteten sie im Schnitt weniger Glück als in den Momenten der Präsenz. Das galt selbst dann, wenn die Gedanken zu angenehmen Themen wanderten.
Nicht was wir tun, sondern ob wir dabei sind, sagt am meisten über unser Glück im Moment.
Ehrlich eingeordnet
Die Studie ist beeindruckend, aber kein Schlussstein. Sie beruht auf Selbstauskünften von Menschen, die freiwillig eine Glücks-App nutzten, und sie misst Zusammenhänge, keine bewiesene Ursache. Killingsworth und Gilbert fanden in zeitversetzten Analysen zwar Hinweise darauf, dass das Abschweifen dem schlechteren Befinden vorausgeht und nicht umgekehrt, ein Experiment ist das aber nicht. Außerdem heißt der Befund nicht, dass Tagträumen wertlos wäre; gerade fürs Planen und für Kreativität hat das Gedankenwandern in der Forschung durchaus Verbündete.
Der Punkt ist ein anderer: Das meiste Abschweifen im Alltag ist kein gewähltes Nachdenken, sondern ungewolltes Kreisen, um Sorgen, um Unerledigtes, um das Nächste. Es passiert uns, statt dass wir es entscheiden.
So wendest du es an
Die Antwort ist nicht, das Denken abzustellen, sondern ihm Zeit und Ort zu geben:
- Nachdenken mit Termin: Plane bewusste Reflexionszeit ein, zehn Minuten mit Stift und Papier. Wer dem Kopf einen Termin gibt, muss ihm nicht den ganzen Tag zuhören.
- Eine Sache ganz: Wähle täglich eine Tätigkeit, die du ohne Nebenbei erledigst: essen, gehen, zuhören. Präsenz ist trainierbar.
- Kreisen erkennen: Kehrt ein Gedanke ständig zurück, ist er selten Zufall. Meist zeigt er auf eine offene Entscheidung, die getroffen werden will.
Damit ist das Gedankenwandern auch ein Kompass: Wohin dein Kopf immer wieder ausbüxt, dort liegt oft eine ungeklärte Priorität. Das Life-Compass-Handbuch nutzt genau solche Beobachtungen als Material, aus wiederkehrenden Gedanken werden Fragen, aus Fragen Entscheidungen.