„Ich habe keine Zeit" ist die vielleicht häufigste Diagnose unserer Gegenwart. Die Forschung nennt das Phänomen Time Famine, Zeithunger: das chronische Gefühl, dass die Stunden nicht reichen. Interessant ist, wie wir darauf reagieren. Wir kaufen Dinge, die uns belohnen sollen, aber selten Dienstleistungen, die uns Stunden zurückgeben.
Die Studie: 6.271 Menschen, vier Länder
Ashley Whillans und ihre Kollegen werteten 2017 Befragungen von insgesamt 6.271 Personen in den USA, Kanada, Dänemark und den Niederlanden aus. Menschen, die Geld für zeitsparende Dienstleistungen ausgaben, etwa Haushaltshilfe, Lieferdienste oder Hilfe bei ungeliebten Aufgaben, berichteten eine höhere Lebenszufriedenheit, und zwar auch nach Berücksichtigung des Einkommens. Der Zusammenhang zeigte sich nicht nur bei Wohlhabenden.
Die Forscher blieben nicht bei Korrelationen. In einem Feldexperiment erhielten 60 Berufstätige an zwei Wochenenden je 40 Dollar: einmal für einen zeitsparenden Kauf, einmal für einen materiellen Kauf. Das Ergebnis: Nach dem gekauften Zeitgewinn berichteten die Teilnehmenden bessere Stimmung und weniger Zeitdruck als nach dem gekauften Gegenstand.
Wir rechnen den Preis der Dinge in Euro, den Preis der Zeit rechnen wir selten überhaupt.
Warum wir es trotzdem nicht tun
Bemerkenswert an den Daten ist die Lücke zwischen Wissen und Verhalten: Selbst unter Vermögenden nutzte nur ein Teil regelmäßig Geld, um Zeit zu gewinnen. Die Autoren vermuten Gründe wie schlechtes Gewissen, den Wunsch, alles selbst zu schaffen, und die Gewohnheit, Zeit als kostenlos zu verbuchen. Zur Ehrlichkeit gehört auch: Das Experiment war klein, und die Studie sagt nichts darüber, wie viel Zeitkaufen ideal ist. Wer alles delegiert, verliert womöglich auch Dinge, die tragen.
Der Kern trägt trotzdem weit über Putzhilfe und Lieferdienst hinaus: Zufriedenheit hängt weniger daran, wie viel wir besitzen, und mehr daran, wofür unsere Stunden tatsächlich draufgehen. Forscher wie Tim Kasser und Kennon Sheldon sprechen von Time Affluence, Zeitwohlstand, und finden ihn in Studien enger mit Wohlbefinden verknüpft als materiellen Wohlstand.
So wendest du es an
- Rechne in Stunden: Prüfe bei der nächsten größeren Ausgabe beide Richtungen: Was kostet es an Geld, was bringt oder kostet es an Zeit?
- Kaufe gezielt frei: Identifiziere die eine wiederkehrende Aufgabe, die dich am meisten Kraft kostet, und prüfe, ob du sie abgeben kannst, gegen Geld, im Tausch oder durch Weglassen.
- Schütze das Gewonnene: Gewonnene Zeit versickert schnell im Bildschirm. Gib ihr vorher eine Adresse: ein Gespräch, ein Spaziergang, ein leeres Blatt.
Wofür die freie Stunde dann da ist, das ist keine Geldfrage mehr, sondern eine Wertefrage. An dieser Stelle beginnt die Arbeit mit dem Life-Compass-Handbuch: erst wissen, was zählt, dann die Stunden danach ausrichten.